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Die Hamburger Abendblatt - Serie 
"Wie helfe ich meinem Kind"
Zeit zur Muße lassen und nicht alles verplanen
Fluch und Segen der Medienlandschaft
Die Taktik sich mit einem Lächeln durchzusetzen
Was tun, wenn die Disco lockt
Wenn die Arbeitswelt ihre Schatten vorauswirft
Zeit zur Muße lassen und nicht alles  verplanen!

Von Prof. Peter Struck (Universität Hamburg)

Wenn die Lebensbilanz junger Menschen nicht stimmt, werden sie schwierig, entweder für uns oder auch für sich selbst. Kinder dürfen nicht nur herausgefordert werden, sie brauchen auch Muße, also Zeit für sich. Wir dürfen Kinder nicht permanent erziehen wollen, das halten sie nicht aus, sie wollen auch für sich allein sein. Daher müssen wir respektieren, wenn sie sich in ihr Zimmer zurückziehen; sie haben ein Recht auf ihre eigene Ordnung, auf ihr eigenes - aus unserer Sicht -  zweckfreies Spiel, auf ihr Tagebuch, das wir nicht einsehen dürfen, auf ihren Schrank, in den wir nicht hineinschauen, auf ihre Musik und auf ihre Freunde.

Manche Eltern halten so etwas nicht aus; sie müssen ständig in den Sachen ihres Kindes herumschnüffeln, sie wollen den Umgang ihres Kindes mitbestimmen, verhindern oder befördern, sie wollen ihre  Tochter oder ihren Sohn zu einem bestimmten Musikinstrument oder zu einer bestimmten Sportart zwingen. Es gibt Eltern, die nicht ertragen können, dass ihr Kind gerade einmal nichts aus ihrer Sicht Sinnvolles tut; und es gibt Lehrer, die meinen, auf einer Klassenfahrt müsste jede Minute von ihnen durchgeplant werden. Dabei wollen15-jährige Hauptschüler am Strand von Sylt auch einmal nicht fremdbestimmt miteinander interagieren, ohne dass ihr Lehrer sie unentwegt einem Programm unterwirft. 

Muße ist ein oft unterschätzter Wert, dessen Vernachlässigung zu Stress, zu Überforderung, zu einem Übermaß an Fremdbestimmung führt. "Uhren und Kinder darf man nicht beständig aufziehen wollen", sagt Ingo Würtl, "man muss sie gelegentlich auch gehen lassen." Wenn man sich beeindruckende, erzieherisch gelungene 18-Jährige anschaut, und wenn man bewundert, wie gut und locker sie sich "noch" mit ihren Eltern verstehen, dann kommt man in der Regel zu dem Schluss, dass die Eltern stets die Gabe besaßen, ihre Kinder auch mal gehen zu lassen und Führung, Anforderungen, Muße, Spiel und Selbstbestimmung zu einem ausgewogenen Verhältnisgeraten zu lassen. 

Eltern, die jede Minute ihres Kindes verplanen, meinen es in der Regel gut, aber sie machen das Kind abhängig von sich und von Programmen. Das Gutgemeinte daran richtet sich auf die Zukunft ihres Kindes, indem sie viel Zeit und Geld in die Karriere investieren, indem sie jede Minute eines Tages als Chance zur Frühförderung  interpretieren, indem sie also an einem breiten Fundament für vermeintliche spätere Erfolge bauen. Das Miese daran  ist jedoch, dass ihr Kind keine Chance hat auszuweichen, um seine Balance und um sich selbst zu finden, sich selbst von außen und von innen und im Spiegelbild der anderen Kinder zu sehen, rückwärts zu gehen, um neue Anläufe zu nehmen und aus Irr- und Umwegen zu lernen.

 "Man darf den Moment nicht einer ungewissen Zukunft aufopfern", so hat schon am Beginn des 19. Jahrhunderts Friedrich Daniel Schleiermacher das Recht des Kindes auf das Ausleben seiner Entwicklungsstufen zum Ausdruck gebracht.  In unserer immer schnelllebiger werdenden Zeit kommt dieses Recht vielfach zu kurz, so dass der junge Mensch, um sein inneres Gleichgewicht zu halten, unbewusst selbst um heimliche Ausflüchte bemüht ist, und die können  ihm zum Beispiel die Drogen, die Musikwelt und einige Jugendkultnischen bieten. 

Wer jahrelang immer nur getan hat, was die Eltern von ihm verlangten, um sie nicht zu enttäuschen, hat mit 15 Jahren eine hohe Prognose, gelegentlich stundenweise aus dem grauen Alltag mit seinen Übererwartungen, Überforderungen und den ständigen kleinen Niederlagen, vor allem aber aus der Freudlosigkeit der Muße- und Spiellosigkeit und der Tristesse des Mangels an zweckfreier Selbsterprobung und Selbstbestimmung auszubrechen, indem er Hasch, Ecstasy, Alkohol, Nikotin, Tabletten oder gar Kokain, Crack oder Heroin nimmt, in die Spielsucht einsteigt oder sich durch Einschließen oder Weglaufen zurückzieht.

Eltern sind nicht verantwortlich für die Zukunft ihrer  Kinder, sie sind nur mitverantwortlich; sie dürfen ihre Kinder ein Stück des Lebens begleiten, indem sie sie gelegentlich an die Hand nehmen, und indem sie sie immer dann von der Hand lassen, wenn der junge Mensch es braucht, es sei denn, es geht dabei um sehr kritische, unfallträchtige oder gesundheitsschädliche Situationen. 

Kinder haben ein Recht auf ein eigenes Leben, sie müssen nicht so werden wie ihre Eltern; sie dürfen ganz anders mit völlig anderen Hobbys, beruflichen Interessen und Zukunftswünschen geraten. Sie bereichern unser aller Leben mit ihrem Anderssein. Warum fällt Eltern dieses  Loslassen oft so schwer? Warum glauben sie, die nächste Generation müsse wieder genauso werden wie ihre? 

Noch nie gab es nur glückliche Zeiten, Gesellschaften oder Lebenswege; jede Kindheit beginnt wieder von vorn und  jede Generation ebenfalls. Ein Kind muss nicht den Beruf des Vaters ergreifen, muss nicht den Betrieb der Eltern übernehmen. Wahrscheinlicher ist, dass das Kind beruflich etwas ganz anderes als die Eltern machen will. Jedenfalls belegen das die Statistiken so. 
Wenn man Kinder nur gehen lässt, ist es falsch; unerzogene bzw. auch Straßenkinder kommen dabei in letzter Konsequenz heraus. Kinder aber stets führen zu wollen, ist genauso falsch; neurotische Störungen sind dann die Folge. 

Von ihren Eltern restlos verplante Kinder sind meist seelische Krüppel, von den Eltern vernachlässigte aber ebenfalls. Die Wahrheit liegt also wie immer in der Mitte: "Führen und Wachsenlassen" hat Theodor Litt deshalb den Seiltanz genannt, der gute Erziehung bedeutet.

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Fluch und Segen der Medienlandschaft 
 

Von Prof. Peter Struck (Universität Hamburg)

Die Medienlandschaft an sich ist nicht schädlich; auf den Umgang mit ihr kommt es an. 

Fernsehgeräte, Videorekorder Gameboys, Spielkonsolen, Computer und Internet-Anschlüsse vermögen unser aller Leben zu bereichern und zu vereinfachen, sie können aber auch schädlich sein, wenn schon kleine Kinder zu früh, zu oft und ohne Gesprächsbegleitung das Falsche sehen, ganz zu schweigen von der möglichen Schädigung der Augen, der Brüste (durch die Strahlenbelastung) sowie der Organe und Funktionen, die auf viel Bewegung angewiesen sind.

Deutsche Kinder sehen heute täglich im Schnitt 101 Minuten fern, und schon bei den Drei- bis Fünfjährigen sind es 81 Minuten. 82 Prozent aller Kinder sitzen täglich vor dem Bildschirm, und im Hamburger Stadtteil Horn, so haben die dortigen Vor- und Grundschulpädagogen ausgezählt, kommen schon Fünf- und Sechsjährige auf bis zu neun Stunden täglichen Bildschirmkonsums. 

Während Vorschulprogramme von Vorschülern immer seltener gesehen werden, neigen sie gleichzeitig dazu,  immer häufiger Programme für Erwachsene sehen zu wollen: Sie empfinden Kindsein oft als Kindischsein und wollen daher die so wichtigen Entwicklungsstufen nicht altersentsprechend ausleben, sondern einfach überspringen, was ihnen nicht gut tut, so dass sie in der Schule mit psychomotorischem Extraturnen versorgt werden müssen, das gegen ihre Defizite in puncto Bewegung, Muskelkoordination, Gleichgewichtssinn, Hautsinn, Rückwärtsgehenkönnen und beim Rechnen kompensatorisch zu wirken bemüht ist. 

Für 94 Prozent der deutschen Kinder ist das Fernsehen  mittlerweile ebenso wichtig wie die Freunde, hat die "Kids-Verbraucher-Analyse" der Verlage Bastei, Bauer und Axel Springer ergeben. Es folgen Musikhören (90 Prozent), Radfahren (84 Prozent), Videogucken (77 Prozent), Radiohören (76 Prozent) und Fußballspielen (70 Prozent). 48 Prozent der Sechs- bis 17-Jährigen besitzen inzwischen schon einen eigenen Fernseher auf ihrem Zimmer und 72 Prozent einen eigenen Radiorekorder. Während jeder vierte Junge in Deutschland täglich mindestens ein´ Computerspiel spielt, macht das aber nur jedes achte Mädchen. Umgekehrt arbeiten Mädchen im Jugendalter wesentlich mehr am Computer als Jungen, die daran lieber spielen, so dass die Mädchen die Jungen mittlerweile in Bezug auf Informatikkompetenzen im Unterricht der Schule eingeholt oder sogar überholt haben. 

Die Medienlandschaft hat sich derart rasch verändert, dass wir heute schon von dem "multimedial vernetzten Kinderzimmer" sprechen, das dazu geführt hat, dass junge Menschen mit ganz anderen Hirnvernetzungen aufwachsen, als die Erwachsenen es dermaleinst taten. Computerkids haben eine andere Fehlerkultur drauf als die meisten Erwachsenen: Sie sehen Fehler als Umwege zu einem Ziel an, als Chance zum Rückwärtsgehen und zum Noch-einmal-von-vorn-Anfangen, als sinnvolles Element von Fortschrittsstrategien über Versuch und Irrtum, während Erwachsene viel zu viel Angst vor Fehlern haben und immer noch geneigt sind, Fehlermachen zu bestrafen, obwohl doch der Fehler an sich schon Strafe genug sein könnte, weil er immerhin Zeit auf dem Weg zum Ziel kostet. 

Viel fernsehende Kinder haben oft Probleme mit stehenden schwarz-weißen Bildern, die sie nicht mehr so ohne weiteres wahrnehmen und erfassen, weil sie im Vergleich zum farbigen actionreichen Bild aus Kalifornien zu reizschwach sind. Andererseits nehmen sie viel leichter als Erwachsene komplexe Reize wahr. Wenn in einem Film des Regisseurs Oliver Stone neben der Haupthandlung noch drei Nebenhandlungen in den Bildecken spielen, bekommen Erwachsene Erfassungs- und Verständigungsprobleme, Fernsehkids aber nicht. 

Wenn Erwachsene im Urlaub einen Spielfilm zum Beispiel auf Portugiesisch sehen, haben sie Mühe, dem Inhalt des Films zu folgen, Kinder aber eventuell nicht, weil sie früh gelernt haben, einen Film ausschließlich vom Bild her zu verstehen, wenn sie schon als Dreijährige stundenlang  "vor der Glotze geparkt" wurden, also die Sprache, die einem Film zu Grunde liegt, noch nicht verstehen konnten. 

Zusammenfassend lassen sich folgende Empfehlungen geben: 

Kinder bis zum Ende des dritten Lebensjahres sollten nie vor dem Bildschirm sitzen, weil er ihren Augen nicht gut tut. 

Kinder von vier bis fünf Jahren sollten höchstens 20 Minuten täglich vor dem Bildschirm hocken. 

Kinder von sechs bis neun Jahren ertragen täglich eine  halbe Stunde Bildschirmkonsum zu Hause und eine weitere vor dem Lerncomputer in der Schule. 

Zehn- bis 13-jährige Kinder sollten nicht länger als eine Stunde zu Hause plus eine Stunde in der Schule vor dem Fernseh- bzw. Computerbildschirm sitzen. 

Vom 14. Lebensjahr an können es täglich zwei Stunden zu Hause und zwei Stunden in der Schule sein, vorausgesetzt, es finden auch täglich mindestens zwei Stunden Bewegungsherausforderungen durch Sport, Inline-skaten oder Wandern statt. 

Ab Klasse 12 sollte der häusliche und schulische Gesamtumfang des Sitzens und Spielens vor dem Bildschirm fünf Stunden im Schnitt nicht überschreiten. 

Bis zum elften Lebensjahr sollten Kinder keinen  Fernseher und keinen Computer auf ihrem Zimmer, aber schon im Haushalt zu Verfügung haben.

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Die Taktik, sich mit einem Lächeln durchzusetzen 

 Von Prof. Peter Struck (Universität Hamburg)

Für alle Menschen ist Lachen wichtig und ganz besondersfür Kinder. Lachen ist etwas spezifisch Menschliches, bei keinem Tier gibt es so etwas. Es hat etwas mit Intelligenz, mit Kreativität und mit verbalem Ausprobieren von Grenzüberschreitungen zu tun. Das Unwirkliche, das Absurde, das Paradoxe, das etwas abseits des Normalen stehende, die Fantasie, aber auch das realistische Pech sind die Anlässe zum Lachen. Am Humor wächst der Intellekt des Kindes; Lachen erweitert den Lebenshorizont und stärkt die Randzonen des Weltbildes; Lachen begünstigt aber auch menschliche Beziehungen und eine gute Atmosphäre, wenn es kein Auslachen ist.

Mindestens 20 Minuten täglich sollten Lehrer mit ihren Schülern lachen, sagen Psychologen; für Eltern und ihre Kinder müsste zumindest ein ähnlicher Umfang empfohlen werden, denn im Lachen werden Probleme, Spannungen und Krisen leichter überwunden, Lachen bringt vorwärts und ummantelt Ernstes mit einem Hauch von Leichtigkeit. Präventionslehrer arbeiten gern und durchweg erfolgreich mit dem, was man "paradoxe Intervention" nennt; sie ist ein wunderbarer Anlass, um mit einem schwierigen Kind weiterzukommen. Die paradoxe Intervention verbindet über das Absurde, das die Beteiligten an der Paradoxie zu Eingeweihten macht, die über ein gemeinsames Geheimnis verfügen. 

Aber was ist paradoxe Intervention? 
Der Hamburger Präventionslehrer Ingo Würtl setzt sie folgendermaßen um: 
Drei Mädchen stehen in der Pause auf dem Schulhof, er schießt auf sie zu und streckt seinen Finger gegen eines mit der Bemerkung aus: "Du warst das!" "Was war ich?" ist die Reaktion der überraschten Schülerin. "Das weiß ich nicht mehr, aber ich weiß, dass du es warst", entgegnet Ingo Würtl. Darauf löst sich sogleich die Situation bei den vier Beteiligten in ein gemeinsames Lachen auf, und alle sind ein wenig beglückter als zuvor. 

Vier Mädchen und drei Jungen im Alter von zehn Jahren warten vor der Tür der beiden Präventionsräume. Ingo Würtl ruft den Jungen zu: "Heute lassen wir mal die Mädchen draußen, denn die sind blöd." Zustimmender Jubel bei den Jungen und Empörung bei den Mädchen ist die Folge, bis dann alle acht Personen gemeinsam lachend die Präventionsräume betreten. Die Grundstimmung ist nun gut, und sie ist eine optimale Voraussetzung für ein ergiebiges Zusammensein in den folgenden 45 Minuten. 

Ein sechsjähriger Junge sitzt unwillig vor dem Computer. Er hat keine Lust, die Rechenaufgaben zu lösen, die der Lehrer für ihn ausgewählt hat, obwohl sie für ihn leicht zu lösen wären. Ingo Würtl sagt deshalb zu dem Knaben: "Du bist noch viel zu klein, um solche Aufgaben rechnen zu können." Das lässt der Junge nicht auf sich sitzen: "Ich bin nicht zu klein, ich kann solche Aufgaben schon lösen." Der Lehrer setzt noch einen oben drauf, indem er ergänzt: "Das glaube ich nicht." Und um den Sechsjährigen noch weiter anzustacheln, fügt er hinzu: "Du bist wirklich noch zu klein." Etwas Entwürdigenderes kann man zu einem Sechsjährigen kaum sagen, und deshalb beginnt er mit einem unvorstellbaren Eifer die zuvor ungeliebten Aufgaben rasch zu lösen.

Die paradoxe Intervention hat den kleinen Schüler an seiner Ehre gepackt; funktioniert hat sie aber nur, weil der Lehrer sie mit einem verschmitzten Lächeln vorgetragen hat, das von dem von seiner Klassenlehrerin als schwierig deklarierten Jungen mit einem ebenso verschmitzten Lächeln erwidert wurde. Das gemeinsame Lächeln von Lehrer und Schüler wurde somit zum gemeinsamen Nenner für beide, es verband im gemeinsamen Wissen um das Falsche in der Aussage des Lehrers, und deshalb vermochte die Falschaussage auch den Jungen, nicht zu verletzen, sondern anzuspornen. 

Wenn alle Lehrer und Eltern diesbezüglich einfallsreicher wären, würde es mit der Erziehung der jungen Menschen viel besser stehen. Übrigens sind es vor allem die Großväter, die rein statistisch gesehen am häufigsten zum entspannenden, verbindenden und weiterbringenden Mittel der paradoxen Intervention greifen. Ohne diesen Fachausdruck überhaupt zu kennen, nutzen sie mit ihrer Abgeklärtheit, ihrer Lebenserfahrung, ihrer Gelassenheit, ihrer Muße, ihrer Weisheit oder ihrer an vielen Klippen in ihrer langen Vergangenheit gewachsenen taktischen Kompetenz dieses erfolgreiche Mittel, um ein gutes Verhältnis zu ihren Enkeln aufzubauen oder zu bewahren.

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Was tun, wenn die Disco lockt? 
 

Von Prof. Peter Struck (Universität Hamburg)

Erwachsene, die gelegentlich in den Nächten von Freitag auf Sonnabend oder von Sonnabend auf Sonntag in Hamburg unterwegs sind, wundern sich, wenn sie auch noch weit nach Mitternacht 13- oder 14-Jährige auf der Straße umherlaufen sehen. Am Wochenende ist nämlich  für viele junge Menschen Party- oder Discotime, und die wollen Jugendliche und zunehmend auch Kinder auf keinen Fall versäumen. Irgendwo steigt immer eine Fete, und mit dem Älterwerden gewinnen die Diskotheken, die oft erst um 23 Uhr so richtig loslegen, stetig an Bedeutung. 

Vielen Eltern macht das Sorgen; sie können nicht einschlafen, bevor der Sohn oder die Tochter wieder zu Hause sind, sie  versuchen, feste Zeiten der Rückkehr mit auf den Weg zu geben, die dann überschritten werden, und sie treffen aus Angst oder Hilflosigkeit Vereinbarungen mit den Kids, zwischendurch von unterwegs oder auf jeden Fall bei Verzögerungen zu Hause anzurufen, wenn sie nicht ohnehin zuvor die Telefonnummer und die Adresse des Gastgebers aufschreiben, einen unabdingbaren Abholtermin festsetzen oder für den Notfall ein Handy mitgeben.

Und wenn der junge Mensch dann aufgebrochen ist, beginnen für Mutter oder Vater viele Stunden unruhigen Wartens und voller Fantasien: Wird sie unter die Räder kommen? Wird sie zu Drogen verführt? Wird er betrunken nach Hause kommen? Wird er in eine Schlägerei geraten? Wird Sex eine Rolle spielen? Wird der innere Halt stärker sein als die Angst vor der Außenseiterrolle?

Kinder driften zurzeit immer früher und immer häufiger von zu Hause weg; oft wollen sie schon mit fünf Jahren bei einem Freund oder einer Freundin übernachten; andererseits beglücken sie auch ihre eigenen Eltern zunehmend mit einem Gast, der bei ihnen übernachten soll. 

In ihren ersten Lebensjahren sind kleine Kinder sehr auf ihre Eltern fixiert, dann auch auf die Geschwister und auf die Großeltern. Aber recht bald interessieren sie sich schon intensiv für die Gleichaltrigen. Die Lebenskreise weiten sich permanent, es werden immer mehr Bezüge zu anderen Menschen, zu entfernter liegenden Regionen und in die Zukunft hinein aufgebaut. Das ist normal, und es ist gut so, denn das Kind muss später weniger in der Generation seiner Eltern bestehen als vielmehr in der Generation, zu der es gehört.

Das Spiegeln in den Reaktionen der Gleichaltrigen und das Sich-Behaupten oder Aufsteigen in den Rangordnungen der Jugendkultszenerie wird mit dem Älterwerden immer bedeutsamer. Gerade mit der Vorpubertät beginnt der junge Mensch, sich zunächst selbst von außen zu betrachten, indem er gleichzeitig immer häufiger narzistisch vor dem Spiegel stehend seine Frisur, seine Mimik, seine Gestik und seine Kleidung überprüft und korrigiert. Und indem er auf seine Außenwirkung bedacht ist, zugleich aber aus Mangel an Erfahrung unsicher ist, testet er seine Wirkung auf andere junge Menschen aus. Mit dem vertrauten Maßstab der Eltern könnte er sicher sein; aber der zählt jetzt nicht mehr so wie das Feedback der Gleichaltrigen. Seine Unsicherheit und sein Mangel an Erfahrung macht ihn jedoch gleichzeitig verführbar. Das macht die Eltern besorgt.

Wenn Kinder und Jugendliche häufig nachts weg sind, befinden sie sich auf der Suche nach ihrem Ich; sie bemühen sich um eine Neuorientierung zwischen Freunden und Freundinnen, bezogen auf Weltbild, Musikgeschmack, Sprachverhalten, Frisuren, Klamotten, Motivationstrends, Feindbilder und Freizeitnischen, aber auch bezogen auf  ihre Körperlichkeit zwischen Bewegungen, Tanz, Erotik, Alkohol, Nikotin und Durchhaltevermögen. Wie lange kann ich wach bleiben? Wie viel Alkohol halte ich aus? Vermag  ich ein Mädchen oder einen Jungen zu erobern? Traue ich mich, die von meinen Eltern gesetzten Grenzen mehr als andere zu überschreiten?

Junge Menschen müssen dieses alles ausprobieren. Sie müssen das elternlose Terrain auskundschaften. Sie müssen auch ohne den Rückhalt von Mama und Papa ihre Identität finden, aber sie tun das hoffentlich bei weiterwirkender, tiefer Verbundenheit zu ihren Eltern. Was die Eltern bis zur Pubertät erzieherisch nicht haben aufbauen können, ist von ihnen selbst dann auch kaum  noch nachzuholen. Junge Menschen ab 14 sind daher auf Partys und in Discos nur dann ausreichend geschützt, wenn sie bereits zuvor ein stimmiges Weltbild haben aufbauen können, wenn sie gelernt haben, wie man sich angemessen entscheidet, wehrt, behauptet und durchsetzt, wozu auch das Nein-Sagen-Können gehört. Das nächtliche Weggehen-Können muss also gelernt werden. Es braucht rechtzeitiges Reagieren bei Grenzübertritten, und es braucht das Verständnis der Eltern dafür, dass junge Menschen aus der Erfahrung des Fehlermachens, was noch nicht unbedingt mit Verführtwerden gleichzusetzen ist, auch Gutes lernen. Vor allem müssen aber junge Menschen schon im Kindesalter zustimmen, wenn es um Regelungen, Normen und Werte gegenüber Gefahren geht:

Wenn Fünf- bis 13-Jährige am Wochenende bei einem  Freund oder einer Freundin übernachten wollen, setzt das  voraus, dass die beiden Familien sich bereits näher kennen gelernt haben, dass die Kinder nicht ganz unbeaufsichtigt sind, indem zumindest ein Elternteil die ganze Nacht über zugegen ist und dass die Fernseh- und Zubettgehzeiten einigermaßen verbindlich sind.

Partys oder Feten von 14- und 15-Jährigen in sturmfreier Bude, weil die Eltern des Gastgebers aushäusig sind, sollten um 22 oder 23 Uhr enden, und die besuchenden Kids sollten von ihren Eltern abgeholt werden.

Vom 16. Lebensjahr an müssen Telefonanrufe als "Stimmfühlungslaute" zur Beruhigung oder ein Handykontakt und die Vereinbarung einer festen Zeit für  das Abholen oder das Nachhausekommen genügen.

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Wenn die Arbeitswelt ihre Schatten vorauswirft
 Von Prof. Peter Struck (Universität Hamburg)

 In einer immer beschäftigungsärmer werdenden Gesellschaft ahnen immer mehr junge Menschen und auch ihre Eltern, dass sie sich etwas früher als bisher auf den Weg in die Berufsorientierung machen müssen. So fordern Schüler in Flensburg, Kiel, Bremen und Hannover mehr, besseren und anderen Unterricht, so quälen bereits in Neumünster viele Eltern Dreijährige mit einer  fremdsprachlichen Frühförderung in einem privaten Institut.Zugleich fragen sich aber auch zunehmend Mütter und Väter, ob ihre Kinder in den Ferien schulische Pausen nach- oder aufarbeiten sollten, ob sie ihrem Sohn oder ihrer Tochter schulbegleitend einen Job gestatten sollten, mit dem auch Gesichtspunkte für eine spätere Berufswahl gewonnen werden, und ob sie nicht schon zwei Jahre vor dem Schulabschluss ein Betriebspraktikum in den Sommerferien organisieren sollten, damit sich etwas früher als bislang der "Ernst des Lebens" und die Arbeitswelt positiv auf das schulische Lernen und auf die Wahl des Ausbildungs- oder Studienplatzes auswirken. Zurzeit weiß nur etwa ein Drittel aller Schüler zu Beginn der Abschlussklassen, was es einmal beruflich machen will, ein weiteres Drittel schwankt immerhin zwischen mehreren Alternativen, und ungefähr ein Drittel - selbst in Abiturklassen - hat überhaupt keine Vorstellung, welchen Ausbildungs- oder Studienweg es einmal einschlagen möchte.

Ferien sollen an sich der Entlastung und der Erholung dienen. Aber wenn ein älteres Kind längere Zeit krank war, dadurch viel Unterricht versäumt hat und selbst schulischen Stoff nacharbeiten möchte, dann sollte man es nicht daran hindern, vorausgesetzt, Bewegung, Spiel, Muße und gemeinsames Familienleben im Urlaub kommen dabei nicht zu kurz. Immerhin lernen Kinder heute auch außerordentlich viel durchs Fernsehen, den Umgang mit dem Computer und dem Internet, durch Lesen und durch die Interaktion mit Geschwistern und Freunden zu Hause sowie auf Reisen. Viele Kinder machen gerade in den Ferien einen gewaltigen Entwicklungsfortschritt. Wenn Jugendliche in den Ferien jobben wollen und die Eltern gleichzeitig ohnehin keine Zeit für Reisen und kaum Freiraum für ein intensives familiäres Leben mit ihnen haben, dann kann es sehr sinnvoll sein, dass sie einem Job nachgehen, über den sie ein Gespür für die Sachzwänge eines Betriebes, für die Notwendigkeit des Funktionierens eines Arbeitsteams, für die Bedeutung des Tragens von Verantwortung sich selbst, anderen und dem Arbeitsablauf  gegenüber, für das Haushalten mit Geld und für Pünktlichkeit, Ordnung und Disziplin zu entwickeln vermögen. Außerdem gewinnen sie über jeden Job Anhaltspunkte für eine spätere Berufs- oder Studienwahl,
die ihnen ohne die konkrete Erfahrung nie eingefallen wären.

Grundschüler können bereits im landwirtschaftlichen Betrieb ihrer Eltern stundenweise mithelfen, sie können aber mit zehn Jahren auch schon einen Hund gegen einen kleinen Geldbetrag ausführen. Die Arbeit im Haushalt der eigenen Familie sollte allerdings nie entlohnt werden, weil  ihre Aufteilung auf sämtliche Familienmitglieder selbstverständlich sein muss. Vom zwölften Lebensjahr an können sich Kinder durchaus ein paar Mark im Monat durch das Austragen für ein Blumengeschäft oder durch Rasenmähen verdienen. Vom 16. Lebensjahr an kann es gut sein, wenn sie am Sonnabend im Supermarkt die Regale auffüllen oder in einer Bäckerei verkaufen. Wenn Kinder und Jugendliche jobben, geht es zunehmend auch darum, dass sie sich Wünsche erfüllen wollen: Sie möchten sich etwas ansparen, leisten und kaufen, was  ihren Eltern zu teuer oder auch sinnlos erscheint (Markenklamotten, Stereoanlage, CDs, ein Rennrad). Wenn junge Menschen ein Jahr vor Abschluss der Schulzeit überhaupt noch keine Ausbildungs- oder Studienplatzvorstellungen haben, wenn sie sich noch nicht zwischen beruflichen Perspektiven zu entscheiden vermögen oder wenn sie völlig unrealistische Berufswünsche haben, dann kann es sehr segensreich sein, wenn sie in den Sommerferien ein Betriebspraktikum durchführen. Mit ihm kann dann entweder die Perspektive in Richtung auf ein erstrebtes Berufsfeld ausgeschlossen oder auch bestätigt werden, oder umgekehrt, lernen die Eltern dabei, dass ihre allzu anspruchsvollen Wünsche nicht zu ihrem Kind passen; oder es werden mit den konkreten Praktikumserfahrungen überhaupt erst Gesichtspunkte für einen spätere Ausbildungsplatz- oder eine Studienwahl gewonnen. Ein Ferienpraktikum sorgt fast immer für einen deutlichen Ruck in Richtung ernsthafte Berufspläne.

 Da das Betriebspraktikum durchweg für einen großen Reifeschub sorgt, profitieren vor allem diejenigen Jugendlichen von ihm, die überhaupt noch nicht bis zum Schulabschluss zu gucken wagten, die Angst vorm Übergang vom Jugendalter im "Hotel Mama" und dem  "Schonraum Schule" in den Ernst der Erwachsenenwelt haben. Ihre Neigung, nach Verlassen der allgemeinbildenden Schule, noch möglichst lange in einer Berufsfachschule, auf dem Weg von der Fachoberschule in die Fachhochschule oder in der Universität zu parken bzw.Hinhaltestrategien mit der Kombination von Zivildienst, verlängertem Wehrdienst oder Freiwilligem Sozialem Jahr, Auszeit mit einem einjährigen Weltenbummel und anschließendem Open-End-Studium zu entwickeln, kann  mit Hilfe eines Betriebspraktikums leichter durch eine stringentere Lebensplanung ersetzt werden und mit einer früheren Abnabelung von unrealistischen "Knabenmorgenblütenträumen" in eine zügigere Berufswahl einmünden.

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