Am Ende jeder Woche
fährt Claudius Rosenthal zu seiner Frau und den zwei Kindern ins
Sauerland, am Sonntagabend geht es zurück in sein
Ein-Zimmer-Appartement. Damit ist der 32 Jahre alte Journalist einer
von rund drei Millionen Deutschen, die in einer Wochenendbeziehung
leben. "Wir haben uns dafür entschieden, weil es ein ähnlich
verlockendes Jobangebot in meiner Umgebung nicht gab", sagt Rosenthal.
Wer Karriere machen will, nimmt vieles in Kauf - sei es, die Familie
nur am Wochenende zu sehen oder täglich etliche Kilometer zum
Arbeitsplatz zu pendeln.
Höheres Einkommen
Je höher das
Einkommen, desto größer die Bereitschaft zur Mobilität.
Fast die Hälfte derjenigen, deren Zweisamkeit sich auf Samstage
und Sonntage beschränkt, sind Akademiker oder haben Abitur. Nur
wer genug verdient, kann sich eine Wochenendbeziehung überhaupt
leisten: 500 Euro monatlich entstehen alleine durch Zusatzkosten wie
Fahrkarten oder Benzin und hohe Telefonrechnungen.
Doch auch wer
täglich weite Strecken pendelt, verdient
überdurchschnittlich: Mehr als 29 Prozent der Berufspendler, die
50 Kilometer und mehr zum Arbeitsplatz zurücklegen, verfügen
über mehr als 2000 Euro netto im Monat, ergab die jüngste
Studie des Statistischen Bundesamtes zum Verhalten von Berufspendlern.
Dabei werden diese Wege immer länger. "Wir nehmen an, daß
die bisher geringe Zahl derer, die täglich für den einfachen
Weg rund zwei Stunden brauchen, erheblich zugenommen hat", sagt der
Mainzer Soziologieprofessor Norbert Schneider.
Pendler sind unzufrieden
Wer mobil ist, bekommt
den besseren Job, wer beruflich erfolgreich ist, lebt zufriedener?
Gerade bei Berufstätigen, die jeden Morgen und Abend lange auf
Straßen und Schienen unterwegs sind, ist das Gegenteil der Fall.
"Pendler sind weniger glücklich", hat der Berner
Ökonomieprofessor Bruno Frey herausgefunden, der sich mit den
psychologischen Grundlagen von Ökonomie beschäftigt.
"Niemand pendelt gerne,
und je weiter die Entfernung ist, desto unangenehmer wird es", sagt
Frey und spricht von einer Fehleinschätzung: In den meisten
Fällen entscheiden sich die Pendler freiwillig für die
große Distanz zwischen Wohnort und Arbeitsplatz in der Annahme,
so den besseren Job und die höhere Lebensqualität
außerhalb der Städte gewählt zu haben. "Pendler machen
in bezug auf ihr eigenes Handeln einen systematischen Fehler", meint
Frey. Denn obwohl die Pendler mit ihrem Leben unzufrieden sind,
ändern sie nichts an der Situation - offensichtlich will man sich
nicht eingestehen, daß die Unzufriedenheit von der
selbstgewählten Mobilität herrührt.
Weniger Streß
durch Mitfahrgelegenheiten
"Ich bin genervt und
abends total kaputt", sagt Sascha Müller. "Der Zustand belastet
mich sehr." Müller ist Fernpendler im Rhein-Main-Gebiet, also
jemand, der mehr als eine Stunde am Tag zu seiner Arbeitsstätte
unterwegs ist: Er ist Projektleiter des "Pendlernetzes". Die von den
Bundesländern Hessen und Rheinland-Pfalz sowie den Kreisen,
Städten und Gemeinden der Region unterstützte Initiative
bietet seit Mai im Internet eine Plattform für private
Mitfahrgelegenheiten. Wie seit zwei Jahren in Nordrhein-Westfalen
können sich unter www.pendlernetz.de Fahrer und Mitfahrer finden.
Derzeit gebe es rund 10000 Angebote und Gesuche. "Die Resonanz bisher
ist sehr gut", sagt Müller, der selbst gerade nach einem Mitfahrer
sucht.
Studien hätten
ergeben, daß Menschen am Steuer vorsichtiger fahren, wenn
Beifahrer neben ihnen sitzen. Die Unfallwahrscheinlichkeit nehme um bis
zu 50 Prozent ab. "Wer schon auf der Autofahrt nach Hause im
Gespräch mit den Mitfahrern seinen Streß abbauen kann, kommt
besser gelaunt und ausgeglichener an", glaubt Müller. Zweimal in
der Woche steht er morgens um halb sechs auf, setzt sich ans Steuer
seines Golf und fährt die 83 Kilometer von Bad Sobernheim zum
Arbeitsplatz bei Frankfurt. Und abends wieder zurück.
Körperliche
Beschwerden und Trennungsangst
"Alles, was über
eine Stunde Fahrtzeit am Tag hinausgeht, ist absolut zuviel", meint
Ellen Buckermann, deren Kölner Institut für Management und
Gesundheit WHC-Consulting unter anderem Führungskräfte
berät. Die Folgen des Pendelns sind laut Buckermann "hohe
Streßbelastung, Herz- und Kreislaufprobleme, Kopfschmerzen und
Magen-Darm-Beschwerden". 76 Prozent aller Pendler berichten von
Belastungen, die direkt mit ihrer mobilen Situation
zusammenhängen, fand Soziologieprofessor Schneider heraus. "Neben
körperlichen Beschwerden droht der Verlust sozialer Kontakte."
Pendler litten unter
chronischem Zeitmangel. Die wenige Freizeit wollten sie in Ruhe
verbringen - was wiederum zu Problemen mit dem Partner führe, der
am Wochenende gerne aktiv sein möchte. "Auch Freundschaften oder
die Tätigkeit in Vereinen kommen dadurch zu kurz." Die Angst
davor, zugunsten des Traumjobs in einer anderen Stadt den Partner zu
verlieren, ist entsprechend groß: 37 Prozent der Deutschen
fürchten eine Trennung, ergab eine vom
Internet-Stellenmarktdienstleister Jobpilot durchgeführte Studie.
200 Milliarden Euro
für Krankenstände und Ausfälle
Daß Pendeln nicht
nur eine physische und psychische Belastung für Erwerbstätige
darstellt, sondern auch ein ernstzunehmender ökonomischer Faktor
ist, wird mittlerweile auch von den Unternehmen erkannt. Beraterin
Ellen Buckermann schätzt, daß Arbeitgeber jährlich rund
200 Milliarden Euro ausgeben müssen, um Krankenstände und
Ausfälle zu bezahlen, die sich auf die Belastung durch weites
Pendeln zurückführen lassen.
Bis zu 50 Prozent aller
Berufsunfälle sind sogenannte Wegeunfälle, passieren also auf
dem Weg vom oder zum Arbeitsplatz, schätzt Wolfgang Nickel vom
Kasseler "Verein zur Entwicklung der Mobilitätswirtschaft".
Während die Wissenschaft mittlerweile erste Ergebnisse im recht
neuen Gebiet der Mobilitätsforschung geliefert habe, sei das Thema
bei deutschen Unternehmen noch nicht wirklich angekommen, meint Nickel.
Individuelle
Lösungen zahlen sich aus
Bereits vor acht Jahren
begann er, mit einem Mobilitätskonzept für die Infineon
Technologies AG in Dresden die Arbeitswege der Mitarbeiter zu
optimieren. Das Ergebnis: Heute fahren 76 Prozent mehr Mitarbeiter in
Fahrgemeinschaften zu ihrem Arbeitsplatz als 1996. 30 Prozent der rund
5500 Mitarbeiter wohnen in einem Umkreis von fünf Kilometern vom
Unternehmen entfernt. "Die Mitarbeiter sind pünktlicher und
flexibler, die Krankheitsrate ist gesunken", sagt der
Mobilitätsexperte Nickel. "Jeder neu eingestellte Mitarbeiter
bekam eine kostenlose Wohnstandortsberatung - mit dem Effekt, daß
viele gleich bei ihrer Einstellung oder wenig später in die
Nähe ihres Arbeitsplatzes zogen."
Ursprünglich habe
man "nur das Parkplatzproblem" lösen wollen, erklärt Kathleen
Kühnel, Mitarbeiterin der Öffentlichkeitsabteilung von
Infineon. "Dazu kam der Gedanke, unseren Mitarbeitern den Weg zur
Arbeit so angenehm wie möglich zu machen." Jetzt kommen 16 Prozent
der Mitarbeiter, darunter sogar Mitglieder der Betriebsleitung, mit dem
Fahrrad; Duschen und Umkleiden machen's möglich. Verschwitzte
Trainingsanzüge können in Trockenschränke gehängt
werden. In Zusammenarbeit mit den lokalen Verkehrsverbänden und
der Stadt Dresden wurden die Fahrtzeiten der Straßenbahn und die
Schichtarbeit optimiert. Für jeden Mitarbeiter wurde ein
individueller Fahrplan erarbeitet, außerdem wurden mit den
Verkehrsbetrieben vergünstigte Fahrkarten ausgehandelt.
Brauchen wir die
Mobilität
Ein Beispiel, das nach
Meinung der Mobilitätsexperten Schule machen sollte. Neben der
Verbesserung der Infrastruktur sind vor allem flexible
Arbeitszeitmodelle gefragt. "An ihren Arbeitsorten haben
Wochenendpendler meist wenig soziale Kontakte und arbeiten bereitwillig
zehn Stunden am Tag", sagt Schneider, so daß die
Vierzig-Stunden-Woche auch in vier Tagen abgearbeitet werden
könne. Weiterhin müßten Anreize geschaffen werden, mit
der Familie umzuziehen, fordert Wolfgang Nickel und kritisiert: "Es
gibt noch immer zuwenig Kindertagesstätten in den Firmen."
Allerdings besteht nicht
nur auf seiten der Arbeitgeber mangelnde Bereitschaft zur Lösung
des Problems: "Fernpendler wollen als solche nicht unbedingt von ihren
Arbeitgebern wahrgenommen werden, da sie in der Firma als unflexibel
gelten", hat Norbert Schneider festgestellt. Wer seine Arbeitszeit nach
der Erreichbarkeit von Zügen und der Vermeidung von Staus
einteilen müsse, habe oft Angst vor einer Entlassung. "Wir
müssen uns die Frage stellen, ob wir eine Gesellschaft brauchen,
in der so viel Mobilität gefordert wird", sagt
Ökonomieprofessor Frey. Wenn Claudius Rosenthal am Sonntag abend
zurück in sein Stuttgarter Ein-Zimmer-Apartment fährt,
hört er die "Roadshow" auf SWR3. Hier grüßen sich
Menschen, die vom gemeinsamen Wochenende mit Familie oder Partner
zurück an ihre Arbeitsstätte fahren. Den Gutenachtkuß
für Friederike gibt's nachher per Telefon.
Quelle:
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.09.2004